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13.08.2009
"Inglourious Basterds": Interview mit Quentin Tarantino
Quentin Tarantino bei Dreharbeiten zu "Inglourious Basterds"
Foto: Francois Duhamel/© 2009 Universal Studios
Ohne Zweifel gehört Quentin Tarantino auch knapp 15 Jahre nach seinem furiosen Welterfolg mit „Pulp Fiction" zu den aufregendsten Kreativen des modernen Kinos. Mit seinem neuen Film, der zu großen Teilen in Deutschland gedreht wurde, schreibt er das erste Mal ‚historische‘ Geschichte und bringt ein leidenschaftliches Rache-Abenteuer auf die Leinwand. In unserem Interview spricht der Kult-Regisseur über seinen neuen Film „Inglourious Basterds", den "Tarantino-Stil“ und über seine Anfänge hinter der Kamera.
Wie war Ihre Vorstellung von Deutschland, bevor Sie diesen Film gemacht haben und wie hat sie sich verändert, als Sie an Inglorious Basterds gearbeitet haben?
Nun, wissen Sie, es verändert sich vieles sehr drastisch, wenn man acht Monate an einem Ort arbeitet und dort auch lebt. Ich hatte mein kleines Apartment und meine kleinen Spazierwege. Ich hatte so meine Restaurants, die ich mochte und Bars, die mir gefielen und ich hatte Freunde, die ich in Deutschland getroffen habe. Jetzt ist es mein Deutschland und ich kann es für den Rest meines Lebens besuchen und habe Freunde hier und Orte, an die ich gehen kann, wissen Sie. Jetzt gehört es mir. Das ist eines der großartigen Dinge bei lokalen Aufnahmen. Etwas war eine große Überraschung, über die ich zuvor überhaupt nicht nachgedacht hatte. Es war die Enthüllung, es war die ganze Art, das Dritte Reich so darzustellen, wie ich es tat. Wissen Sie, meine jüdischen amerikanischen Freunde haben das Buch gelesen und sagten „Ja, wow. Das ist großartig. Das ist eine wundervolle Fantasie und ich habe immer so darüber nachgedacht.“ Nun, und erst als ich mit Deutschen darüber geredet habe, wurde mir klar, dass es auch ihre Fantasie war. Über die letzten drei Generationen hatten sie alle diese Vorstellung und natürlich beginnst du, darüber nachzudenken. Aber sie identifizierten sich mit diesem Fantasieeffekt und mit dieser Vorstellung einer erfüllten Fantasie wie kein anderer. Und eines der Dinge, die sie mir sagten, war, dass sie das Script lieben, aber nicht sicher waren, ob man so etwas in Deutschland machen kann. „Du hast natürlich das Recht, es zu machen, aber ich weiß nicht, ob wir das können.“ Es kann sein, dass du einen Deutschen davon überzeugen kannst es zu tun, aber wenn er es tut, solltest du immer verdammt vorsichtig sein.
In Berlin gibt es eine Bar, die Ihnen zu Ehren Tarantino’s genannt wurde und offensichtlich waren Sie nach den Aufnahmen ein paar Mal nachts dort. Was war das für ein Gefühl?
Nun, es war ziemlich cool. Ich hatte davon gehört, einige Leute hatten mir darüber erzählt und sie gaben mir ein Streichholzbriefchen von dort. Und es war so spaßig, ich hatte einfach das Gefühl, da müssen wir hingehen. Und so sind einige von uns nach dem Abendessen in diese Bar gegangen und es war super, Mann, es war wirklich toll. Ich meine, es sieht aus wie eine Bar, die ich in Deutschland oder anderswo eröffnet hätte. Es war so ordentlich, überall hingen meine Poster und auf einem großen Bildschirm liefen meine Filme, sie spielten meine Soundtracks und so ging ich rein. Der Inhaber mochte meine Filme sehr und eröffnete die Bar vor drei Jahren. Er hätte nie gedacht, dass ich eines Tages durch seine Tür kommen würde und tatsächlich habe ich genau das getan. Er war absolut einmalig, kam herüber zu mir und sagte „Willkommen zu Hause“ und wir feierten eine Menge Partys dort, mit vielen Drinks, es war einfach unglaublich.
Melanie Laurent (Shosanna Dreyfus) in "Inglourious Basterds"
Foto: Francois Duhamel/© 2009 Universal Studios
Melanie Laurent als Shosanna hat eine Schlüsselrolle in Ihrem Film. Wie fanden Sie sie?
Offen gesagt, sie erinnerte mich an Shosanna, denn Shosanna ist ein Charakter, über den ich schon lange nachgedacht hatte und ich hatte sehr genaue Vorstellungen davon, wer sie spielen sollte. Es schien von Anfang an zu passen. Als ich Melanie traf, Daniel (Brühl) war bereits gecastet worden, sodass sie uns gemeinsam vorsprach, war es auf einmal wie in der guten alten Zeit der Filmstars. Ich fühlte mich etwa wie „Mein Gott, wenn das ein Film aus den Vierzigern wäre, würden Daniel und Melanie die Einzigen sein, die diese Rollen spielen könnten. Es war etwas von diesem coolen Hollywood Glamour um sie herum, wenn sie spielten. Melanie und ich gingen aus zum Essen und ich wusste, dass es eine wundervolle Zusammenarbeit mit uns beiden werden würde.
Die Leute sprechen heute über den „Tarantino Stil“. Was denken sie darüber und wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Nun, ich habe gehört, wie einige den Begriff „Tarantino-Stil“ benutzt haben, ich weiß nicht, ob ich überhaupt sagen kann, was der „Tarantino-Stil“ ist. Ich denke, es ist mehr für die Leute, die mir damit etwas sagen wollen. Es ist eine schwierige Frage. Wenn du tust, was du tust, ist es dir nicht wirklich bewusst, du tust es einfach.
Was ist Ihrer Meinung nach das immer wiederkehrende Markenzeichen Ihrer Filme?
Das ist zum Teil sicher dieser besondere Humor in allen meinen Filmen und ich versuche immer, das auch wirklich herauszustellen. Weiter versuche ich die Leute zum Lachen zu bringen, auch über Dinge, die gar nicht lustig sind. Wenn ich meine Filme schreibe, ist da etwas zum Lachen. Ich will damit nicht sagen, dass ich sie als Komödie schreibe, aber es sind immer Dinge zum Lachen da. Wissen Sie, wenn ich einen Film mache, stelle ich mir dieses Lachen vor. Wenn ich sie redigiere, tue ich das in dem Bewusstsein, dass etwas zum Lachen da ist. Und ein Aspekt ist, dass, wenn ich den Film zum ersten Mal gemeinsam mit Publikum sehe, dass es dann eine Art Vollendung ist. Es ist wie ein Rezept, das eine bestimmte Zutat braucht, damit der Kuchen gelingt. Und bei mir passiert das immer erst dann, wenn ich den Film gemeinsam mit dem Publikum ansehe. Das ist das Wichtigste, und wenn ich sie dann lachen höre, weiß ich, ich habe es geschafft. Und auch erst dann bekomme ich das Gefühl, dass der Film wirklich fertig ist. Ein Teil dieses methodischen Wahnsinns ist, dass Sie über etwas lachen, was Sie normalerweise nicht komisch finden würden. Sie könnten sich die Frage stellen „Wieso lache ich?“ Aber auf jeden Fall lachen Sie, (lachend).
Eli Roth (Sgt Donnie Donowitz) und Brad Pitt (Ltd Aldo Raine) in "Inglourious Basterds"
Foto: Francois Duhamel/© 2009 Universal Studios
Das Kino ist eine große Metapher im Film …
Was ich am interessantesten finde ist, dass es auf eine Art durchaus eine Metapher ist, auf der anderen Seite aber auch wieder nicht, es ist literarisch. Es ist der Film selbst, der das Dritte Reich wieder zum Vorschein bringt. Ich mochte diese Duplizität der Tatsache, dass es einerseits wie eine Metapher wirkt und andererseits sehr aktuell, nicht nur eine poetische Eitelkeit, der Film selbst bringt es hervor.
Inglorious Basters war der amerikanische Titel für diesen Film, der von einem italienischen Regisseur gemacht wurde. Abgesehen vom Titel, hatte er irgendwelchen Einfluss auf Ihren Film?
Wissen Sie, abgesehen von dem Titel, nein. Die einzige Sache, meine ich, die man sagen kann – wie Sam Peckinpah ist Castellari ein Meister der Zeitlupe. Er hat wirklich viele Zeitlupensequenzen in seinen Filmen, die sehr gut sind. Aber ich habe eine ganze Reihe dieser Zeitlupensequenzen aus meinem Film herausgenommen. Als bleibt nur der Titel. Aber ich bin ein großer Fan von Castellaris Arbeit.
Til Shweiger (Sgt Hugo Stiglitz) in "Inglourious Basterds"
Foto: Francois Duhamel/© 2009 Universal Studios
Sie haben keine richtige Ausbildung als Regisseur. Ist es möglich, Kino und Regieführung zu lernen nur dadurch, dass man Filme anschaut?
Wissen Sie, es ist schon komisch. Die meisten Filmschulen bringen Ihnen nichts bei über die Ästhetik. Das müssen Sie während Ihrer eigenen Arbeit herausfinden. Und ein wichtiger Schritt auf dem Weg, ein Künstler zu werden, ist die eigene Ästhetik zu finden. Sie können Ihnen beibringen, den Soundtrack mit den Bildern zu synchronisieren, oder Sie zeigen Ihnen einige unterschiedliche Tricks oder „Oh, so was können Sie mit der Kamera nicht machen“ und sie zeigen Ihnen ein paar Filme. Aber ein Künstler zu werden bedeutet, die eigene Ästhetik zu entdecken. Du fängst damit an, herauszufinden: Ich mag dieses, aber jenes mag ich nicht. Aber dann fängst du an, den Unterschied zwischen guter und schlechter Arbeit zu realisieren, nicht mehr nur, was du magst oder nicht magst. Dann kannst du anfangen, die Feineinstellungen an deinem ästhetischen Empfinden vorzunehmen und in die Praxis umzusetzen. Ich kann sagen, dass der Mensch, der mich am meisten beeinflusst hat, wenn es sich um die Inhalte beim Filmemachen drehte– nicht um die technischen Levels-, die Kritikerin Pauline Kael war. Ich war nicht auf der Filmschule, aber ich habe Ihre Kritiken gelesen und die waren besser, als es eine Filmschule je sein kann und besser als jeder Professor. Sie unterrichtete mich in Ästhetik und ich schätzte die ihre. Ich kann nicht sagen, dass ich immer einer Meinung mit ihr war, wissen Sie. Mit vielen ihrer Kritiken war ich nicht einverstanden. Aber es brachte mich hierher. Und es begleitet mich bis heute. Und was das Filmemachen im Einzelnen bedeutet - ich brauchte eine Weile, bis ich das begriffen hatte -nicht, als ich es schon machte, sondern viel früher: Man muss gar nicht alles wissen. Ich muss nicht wissen, wie ich die Beleuchtung zu arrangieren habe, um einen bestimmten Lichteffekt zu erzielen. Ich habe Leute, die das für mich machen. Das ist ein gutes Beispiel, weil ich das nämlich wirklich nicht kann. Ungefähr so „Wie arrangiere ich die Beleuchtung?“ Nun, die Antwort ist, du machst es nicht.
Also haben Sie gelernt zu delegieren und die richtigen Leute zu finden, mit den Sie zusammenarbeiten?
Ja. Ich will Ihnen erzählen, wie ich dazu kam. Bevor ich Reservoir Dogs drehte war ich in einem Sundance Institut und machte ein paar Szenen mit einem meiner Resource Regisseure, Terry Gilliam. Ich unterhielt mich nett mit ihm und ich hatte diese wunderbaren Vorstellungen in meinem Kopf, aber ich fürchtete mich davor, dass an dem Tag, an dem ich zu drehen beginnen wollte, es keinerlei Stil hätte, nichts Anschaubares da sein würde. Es würde unscheinbar sein und ich hatte schon eine Menge solcher Filme gesehen. Es war da einfach die Frage: „Wie bekomme ich die Vision aus meinem Kopf auf den Bildschirm?“
Und er sagte: „Quentin, das ist ganz einfach. Du musst dieses oder jenes gar nicht tun, da sind Leute, die stellst du ein und sie machen das für dich. Was du tun musst, ist die richtigen Leute für die Arbeit, die du vorhast, einzustellen, Leute, deren Arbeit du akzeptierst und bewunderst. Denen sagst du dann ganz einfach, was du willst. Du musst nur in der Lage sein, ihnen zu sagen, was du willst, auf eine Art, die sie verstehen und dann machen sie es.“ Und in der Minute, als er das sagte, verschwand plötzlich eine ganze Menge meiner Furcht. Es war etwa so: Ich weiß, was ich will. Ich kann darüber reden und es dir erklären. Und das ist alles, was ich tun muss.“ Und genauso war es. Es ist wirklich alles, was du brauchst. (lachend)
Christopher Waltz (Col. Hans Landa) in "Inglourious Basterds"
Foto: Francois Duhamel/© 2009 Universal Studios
Sie schreiben immer sehr starke weibliche Rollen. Warum ist das so? Hat es damit zu tun, dass Ihre Mutter großen Einfluss auf Ihr Leben hatte?
Ich bin sicher, dass das einer der Gründe ist. Wenn deine Mutter dich alleine aufzieht und sie ist eine starke Frau, dann ist es das, was du über Frauen denkst. Sie sind stark. Ich hatte niemals das Gefühl, dass es Dinge gibt, die Frauen nicht tun können. Eine Frau wird nur eingeschränkt durch ihre eigenen Hemmungen und nicht durch die Einschränkungen der Umwelt. Meine Mutter hat sich durch gar nichts einschränken lassen. Und deshalb dachte ich von Anfang an, dass Frauen stark sind. Als ich zu schreiben begann, habe ich meine Frauenrollen auch so angelegt.
Als Sie Inglorious Basterds schrieben, hatte da das „Dreckige Dutzend“ irgendwelchen Einfluss?
Ich verehre diesen Film, ich liebe diesen Film. Er hatte einen enormen Einfluss. Und ich dachte sogar, er würde noch viel mehr Einfluss nehmen, als es dann tatsächlich der Fall war. Als ich mich das erste Mal hinsetzte, um diesen Film zu schreiben, dachte ich, ich würde mein „Dreckiges Dutzend“ schreiben. Doch das funktionierte nicht auf diese Weise, aber es brachte mich dazu, weiterzumachen.
Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ kommt in Deutschland und der Schweiz übrigens am 20. August in die Kinos. Filmstart in Österreich ist einen Tag später.
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hinzugefügt am 14.07.2009
via viviano.de
Inglourious Basterds - Trailer
hinzugefügt am 26.02.2009
via viviano.de

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